Karlsruhe
27.09.2017 | Kunst und Kultur |

Ein Geschenk sorgt für Wirbel

Kaum eine BNN-Ausgabe in den letzten Wochen, die keinen Leserbrief zum Thema „Genesis“ und „Markus Lüpertz“ enthält. Wie oft bei solchen Themen ist inzwischen alles gesagt. Doch worum geht es eigentlich genau? Was erhitzt die Gemüter?

Um die ganze Geschichte verstehen zu können, muss man in die Jahre 2005/06 zurückgehen. Lt. einem Antwortschreiben auf eine Anfrage an Herrn OB Heinz Fenrich im Jahr 2012 wurde mitgeteilt, dass 2005/06 ein konkurrierendes Entwurfsverfahren bzgl. der Haltestellengestaltung durchgeführt wurde. Für die sieben U-Bahnstationen wurden insgesamt 20 Entwürfe erarbeitet. Die Jury entschied sich damals für das Konzept der Arbeitsgemeinschaft Allmann, Sattler, Wappner/Ingo Maurer aus München, mit denen die endgültige Ausarbeitung erfolgte. Für weitere Ideen sei kein Raum. Als Wand- und Bodenbeläge seien großformatige Betonwerksteinplatten vorgesehen.
In der Beauftragungsempfehlung vom Januar 2005 heißt es jedoch, „….dass Architektur und Lichtgestaltung zu einem überzeugenden ästhetischen Kunsterlebnis werden. Gleichzeitig ist das Grundprinzip bewusst offen gehalten, so dass Veränderungen in der Zukunft denkbar sind.“
Eine künstlerische Ausgestaltung war also damals vom Tisch, für die Zukunft aber nicht ausgeschlossen. Der Gemeinderat stimmte seinerzeit dem Konzept zu.
Das entworfene Lichtkonzept wurde als Kunsterlebnis eingestuft, obwohl es nichts anderes als eine Lichtebene ist, deren Licht von den anwesenden Personen farbige Schattenwürfe erzeugt. Hat sich damals die Karlsruher Kunstszene stark gemacht, die U-Bahnstationen ausgestalten zu wollen, um dem technikorientierten Kunstbegriff etwas entgegenzusetzen bzw. hinzuzufügen? Auch der Spiegel 23/2017 (Artikel S. 40) war von dieser „Lichtkunst“ nicht gerade überzeugt.
Erinnere ich mich selbst an U-Bahnen in den unterschiedlichsten Städten, so kenne ich keine, die auf eine echte künstlerische Ausgestaltung verzichtet hätte.
Irgendwie war da also in gewissen Kreisen wohl ein Unbehagen, dass mit der Haltestellenausgestaltung noch nicht das letzte Wort gesprochen ist. Es war im Jahr des Stadtgeburtstags 2015, in dem im Aufbruch vieler neuen Ideen Nachhaltiges mit dem Unbehagen sich kreuzte. Warum Karlsruhe nicht etwas geben, das über den reinen Geburtstag hinaus Bestand haben könnte. Und da war wieder die sehr spartanische Ausgestaltung der U-Bahnstationen im Gespräch.
Hier kamen Anton Goll und Markus Lüpertz ins Spiel. Goll – ehemaliger Geschäftsführer der Majolika Manufaktur – entwickelte das Konzept „Karlsruhe Kunst erfahren“ und schlug damit zwei Fliegen mit einer Klappe: erstens werden durch dieses Konzept die sieben U-Bahn-Haltestellen der U-Strab mit einem durchgängigen Kunstkonzept aufgewertet, zweitens konnte er den weltweit renommierten Markus Lüpertz gewinnen. Dieses Konzept mit dem Thema „Genesis – die sieben Tage der Schöpfungsgeschichte“ sollte in Form von Fliesenreliefs realisiert werden.
Lüpertz hat quasi einen Zweitwohnsitz in der Stadt und fühlt sich Karlsruhe nicht nur durch seine Zeit als Professor der Karlsruher Kunstakademie verbunden. Das Thema Genesis ist ein interreligiöses Thema und wird von Lüpertz sicherlich nicht nur christlich interpretiert. Dabei darf man sich in Erinnerung rufen, dass alle Genesis-Mythen in vorchristlicher Zeit entstanden sind. Daher sind Umsetzung und Interpretation vielfältig realisierbar. Die insgesamt vierzehn Reliefs kosten Stadt und Bürger keinen Cent, da sämtliche anfallenden Kosten über einen Förderverein erwirtschaftet und übernommen werden. Die Stadt trägt also keinerlei finanzielles Risiko, was auch den Gemeinderat überzeugte, dem Projekt vor etwa 3 Monaten mit deutlicher Mehrheit grünes Licht zu geben. Die bundesweite mediale Öffentlichkeit, die das Kunst-Projekt in den letzten Wochen und Monaten bereits erfahren hat, dürfte den Befürwortern Recht geben: sollte das Kunstwerk mit Inbetriebnahme der U-Bahnstationen in Karlsruhe der Öffentlichkeit präsentiert werden, wird diese Kunst große Aufmerksamkeit erfahren. In der Natur der Kunst liegt es, dass man sich mit ihr auseinandersetzen kann, ob man sie mag oder nicht. Und diese Möglichkeit ist im Realisierungsfalle den Karlsruhern und den Touristen gegeben.
Ich wünsche dem Kunstprojekt viel Erfolg.
Weitere Informationen und wie Sie das Projekt aktiv unterstützen können,
finden Sie unter: www.karlsruhe-kunst-erfahren.de
Dr. Helmut Rempp

 

 

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