Karlsruhe
30.05.2017 | Arbeitsgemeinschaft Karlsruher Bürgervereine (AKB) |

Wachsender Wohnungsbedarf und Klimawandel

Karlsruhe ist nach wie vor ein zunehmender Siedlungsdruck auf Flächen im Stadtgebiet festzustellen. Flächensparen und die Innenentwicklung sind u.a. als zentrale Handlungsfelder einer nachhaltigen Stadtentwicklung in den Vordergrund gerückt. Dabei muss beachtet werden, dass der Raum Karlsruhe durch seine südwestliche Lage im Oberrheingraben als eine der wärmsten Regionen Deutschlands gilt. Die Überhitzung des städtischen Raums wird immer mehr ein zentrales Problem. Kommt dann noch eine hohe Bevölkerungsdichte dazu, kann sich das Problem in Ballungsräumen potenzieren.

Dr. Rempp

Warum und wie wächst Karlsruhe?

Trotz der demographischen Entwicklung der Gesellschaft wachsen Ballungsgebiete weiter, während in manche Landstriche die Bevölkerung zusehends abnimmt. So zeigt auch die Bevölkerungsprognose für Karlsruhe: Die Stadt ist so attraktiv, dass sie auch in Zukunft weiter wächst. Daher ist ein chronischer Wohnraummangel zu verzeichnen, der durch die wachsende Wohnraumfläche je Bewohner und die Zunahme der Ein-Personen-Haushalten verschärft wird. Dies bedeutet, dass mehr Bauflächen für Wohnbau erforderlich sind, vor allem auch wenn die Mieten bezahlbar bleiben sollen. Alles in allem werden je nach Annahmen zusätzlich 10.000 bis 20.000 Wohnungen bis 2030 prognostiziert. Um neuen Wohnraum zu bauen, gibt es folgende Möglichkeiten mit unterschiedlicher Fristigkeit:
•    kurzfristig:
    – Wohnungspotential aus existierenden Bebauungsplänen
    – bei bestehender Wohnbebauung Bau-
lücken schließen oder eine Verdichtung anstreben
•    mittelfristig:
    – Transformationsflächen nutzen
    – Flächen, die im bisher aktuellen Flächennutzungsplan FNP 2010 als Bauflächen ausgewiesen sind und noch nicht bebaut wurden
•    langfristig:
    – Neue Bauflächen im zukünftigen Flä-
chennutzungsplan FNP 2030 ausweisen
Im Folgenden werden die einzelnen Möglichkeiten kurz erläutert.
 

Existierende Bebauungspläne

Eine Realisierung von Bauvorhaben ist am schnellsten bei Bauflächen möglich, für die rechtsverbindliche Bebauungspläne aus den vergangenen 10 Jahre existieren, aber noch nicht bebaut sind. Daraus ergibt sich ein Realisierungspotenzial von ca. 2.000 Wohneinheiten.
 

Baulücken

Ein weiteres Reservepotenzial an Wohnungen ergibt sich aus Baulücken bei bestehender Bebauung. Hierzu wurde eine systematische Erhebung durchgeführt. Ergebnis ist, dass das Potential bei 1.500 – 2.000 Wohneinheiten liegt.
 

Verdichtung/Innenentwicklung

Um Wohnraum zu schaffen, soll es nicht nur in die Fläche gehen. Das Ziel seit über 10 Jahren ist, geringfügig bebaute oder abweichend genutzte Grundstücke einer weiteren Wohnbebauung zuzuführen. Aufgrund einer ersten Bestandserhebung wurde ein Potential ermittelt, das zwar zwischenzeitlich weitgehend ausgeschöpft ist, sich aber immer noch auf 2.000 Wohneinheiten belaufen dürfte.
Systematischer wurde das Potential aus Verdichtung/Innenentwicklung 2015/16 von den Karlsruher Planern berchtoldkrass space&options in einer gesamtstädtischen Potenzialstudie analysiert. Ausgehend von 12 Stadtstrukturtypen wurden geeignete Maßnahmen gesucht und Restriktionen diskutiert. Als Restriktionen wurde erfreulicherweise u.a. die Klimaanpassung berücksichtigt. Hieraus das Potential an neuem Wohnraum abzuschätzen, bleibt noch eine zukünftige Aufgabe und hängt von den konkreten Umsetzungsmaßnahmen ab.
 

Transformationsflächen

Flächen, die zu ihrem ursprünglichen Zweck nicht mehr genutzt wurden, sollten einer Bebauung für Wohn- und Mischnutzung zugeführt werden. Hierfür konnten vor allem die vorhandenen Militär- und Bahnbrachen, aktiviert werden. Aber auch Gewerbefläche wurde transformiert. Das Potential ist weitgehend ausgeschöpft.
Beispiel: Knielingen 2.0 ist ein prominentes Beispiel auf dem Gelände der ehemaligen Mudra-Kaserne (Bebauungsplan 2007). Eine aktuell geplante Bebauung wird von der Volkswohnung realisiert.
Flächennutzungsplan FNP 2010
Im noch aktuellen FNP 2010 von 2004 sind Bauflächen ausgewiesen, die noch nicht bebaut sind. Dabei handelt es sich um Bauflächen, auf denen über 3.300 Wohneinheiten geschaffen werden können. Hierzu müssen aber noch Bebauungspläne aufgestellt werden, sodass dieses Potential kurzfristig nicht zur Verfügung steht.
Beispiel: Gebiet mit größeren Geschosswohnungsbauzahlen zwischen Erzbergerstraße und Altem Flugplatz in der Nordstadt. Dafür wurde der Rahmenplan Zukunft Nord 2016 verabschiedet. Der Bebauungsplan folgt.
 

Flächennutzungsplan FNP 2030

Da nach der langfristigen Bevölkerungsprognose für Karlsruhe alle oben genannten Maßnahmen nicht ausreichen werden, wurde bereits 2016 die Fortschreibung des FNP „Wohnen“ in Angriff genommen. Mit diesem FNP geht es um die langfristige Fortschreibung der Ausweisung neuer Wohnbauflächen bis 2030. Für die Suche allein in Karlsruhe (ohne Umland) wurden in sog. Steckbriefe 45 Gebiete identifiziert, nach Kriterien vorbewertet und nach vielfältiger Interessenabwägung im Gemeinderat beraten. Unter den ca. 20 Bewertungskriterien der Vorbewertung waren auch acht Kriterien zu Umwelt und Landschaft, um u.a. auch die Klimaverträglichkeit mit einzubeziehen. Übrig blieben nach diesem verwaltungstechnischen und politischen Prozess ca. 20 Gebiete in Karlsruhe mit ca. 65 Hektar.
In der Prüfung waren auch die viel diskutierten drei Kleingartengelände in Oberreut, in der Nordweststadt und in Rüppurr, die letztendlich aus der Prüfkulisse genommen wurden. Der Erhalt dieser Kleingärten ist u.a. auch dem Kriterium Klimaverträglichkeit zuzuschreiben. Die Bedeutung stadtnaher Kleingärten ist für das Stadtklima einer sich verdichtenden Stadt nicht hoch genug einzuschätzen.
Wenn der FNP 2030 nächstes Jahr in Kraft treten wird, kann aber immer noch nicht gebaut werden. Als nächster Schritt ist ein Bebauungsplan erforderlich. Wenn dann Bebauungspläne überhaupt erstellt werden, sind auch dazu für jede Fläche alle notwendigen Prüfungen, auch die Klimaverträglichkeit, zu berücksichtigen.
 

Wachsende Stadt und Klimawandel

Dass Klimawandelaspekte derart in Planungen berücksichtigt werden, liegt daran, dass die Stadt bereits vor Jahren mit einer stadtinternen, dezernatsübergreifenden Arbeitsgruppe eine Strategie „Anpassung an den Klimawandel“ mit zukünftigen Anpassungsmaßnahmen erarbeitet hat. Diese wurden durch die Beteiligung an verschiedenen Forschungsvorhaben zum Klimawandel erarbeitet. Als wichtige Anpassungsmaßnahmen wurden u.a. formuliert: Kalt- und Frischluftzonen, ausreichend große Grünflächen, Bäume als beschattendes Element, Entkernung von hoch verdichteten Wohnbereichen, höhere Gebäude mit mehr Grünflächen. Es geht also darum, stadtklimatische Aspekte systematisch in Planungsprozessen zu berücksichtigen, also  bei Wettbewerben, städtebaulichen Entwürfen, Fortschreibung des FNP, aber auch bei konkreten Bebauungsplänen. Wenn Klimawandelaspekte bei einer wachsenden Stadt gebührend berücksichtigt werden, können wir auch in Zukunft die klimatischen Herausforderungen im Oberrheingraben meistern und uns in unserer Stadt wohlfühlen.

Ihr AKB-Vorsitzender
Dr. Helmut Remp

 

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